Studium ü 50, die ersten 2 Monate geschafft

Der aufmerksame Leser wird es schon bemerkt haben, die Abstände der Blog Einträge werden länger. Das ist zum Einem dem ständigen Lernen geschuldet, zum Anderen aber dem emotionalen Stress.
Wieso der emotionale Stress?
Wegen der Finanzen, wie so oft als Alleinerziehende. Ich habe ja glücklicherweise ein Stipendium der SBB erhalten, ein Begabtenförderungswerk. Das ist super! Leider zahlt der SBB das Stipendium erst in der Mitte des Quartales aus. Das heißt, das ich bis Ende November ohne Geld dastand. Und das Geld, was nun gekommen ist, muss ja die nächsten 3 Monate reichen, bis zur Mitte des nächsten Quartales. Das heißt wiederum, dass ich die Schulden, die ich seit Anfang Oktober gemacht habe, gar nicht zurückzahlen kann. Der Wohngeldantrag kann erst weiter bearbeitet werden, wenn das Geld des Stipendiums auf dem Konto auftaucht.
Damit ist schon irgendwie klar, das ein Studium für arme Menschen nicht finanzierbar ist. Wer wie ich aus dem Hartz IV Bezug kommt, konnte keine Rücklagen bilden. Dennoch müssen vor Studienbeginn 300 € Studiengebühren bezahlt werden, sonst bekommt man keine Immatrikulationsbescheinigung. Ohne Imma-Bescheinigung bekommt man kein Stipendium ausgezahlt, kein Wohngeld und auch keine Fahrkarte. Dann noch Miete vorauslagen, Lebenshaltungskosten, Stifte, Papier, Bücher, Hefter, Druckerpatronen….
Ganz schweres Gelände, wenn man keine Eltern hat, die einen Unterstützen. Auch für Bafög Empfänger ein Akt des Unmöglichen, da auch hier erst nach Erhalt der Imma-Bescheinigung gezahlt wird. Und da wird sich gefragt, warum Arbeiter Kinder nicht studieren, warum Deutschland 2018 noch immer in Klassensystemen verhaftet ist und wieso es RTL II gibt!! Mensch, ich könnte mich schon wieder aufregen!
Nun ein wenig zum Inhaltlichen Teil:
Es gibt ein Fach das mir richtig Freude macht: die exemplarische Ethnographie. Unser Thema sind die Xingúanos, mehrere Ethnien, die am Rio Xingu in Brasilien leben. Wir hatten eine Gruppenarbeit bekommen, in welcher wir ein Poster gestalten sollten, zu den Themen Klima, Boden, Flora und Fauna am Rio Xingú. Ich habe mir gleich die Tiere ausgesucht, da ich ein großer Tierliebhaber bin, und da wir viele Mitstreiter bei der Gruppenarbeit waren, habe ich die Säugetiere bekommen. Um nicht in ein endloses Geratter von Zahlen und Daten zu verfallen, habe ich mir exemplarisch ein Tier ausgesucht, welches im Amazonas Gebiet lebt, das Faultier. So ein Faultier ist mächtig interessant, zum Beispiel hat es die Organe verkehrt herum angeordnet, das es sein Leben hängend verbringt. Sein Herz schlägt nur 8 mal in der Minute und es ist ein Wechselwarrmes Geschöpf, welches von seiner Umgebungstemperatur abhängig ist. Damit stellt es einen Übergang da, zwischen Reptilien und Säugetieren.
Was das mit Ethnologie zu tun hat? Die Xingúanos haben ein sehr enges Verhältnis zu Tieren, auch im spirituellen Sinne. Eine der Ethnien macht aus dem Faultier Schrumpfköpfe. Die kann man/frau dann als „Grusel-Ethnographica“ kaufen und sich zu Hause ins Regal stellen. Das mit dem Schrumpfkopfen führt auf eine mythische Geschichte zurück, in welcher der Geist eines bösen Kriegers in das Faultier gefahren ist, und immer wenn man/frau ein Faultier schrumpft, schrumpft man auch den Geist des bösen Kriegers.
Unser fertiges Plakat sah dann so aus .

Für meinen Vortrag über das Faultier habe ich viel Applaus bekommen und 2 meiner Kommilitoninnen meinten, ich würde eine sehr gute Lehrerin abgeben. Alle, die schon einmal auf einem Vortrag von mir waren, können das Bestätigen 🙂
Das war das erste Mal, das ich das Gefühl hatte, etwas von meinem bisherigen Leben in der Uni nützen zu können. Wieso das denn, fragt ihr euch vielleicht, schließlich habe ich schon 2 Bücher und einen Haufen Artikel veröffentlich, da kann ich doch schreiben. Und schreiben muss man/frau doch ständig an der Uni. Jaaa, das dachte ich auch. Doch nun muss ich lernen, das hier der Text nur zur Hälfe zählt, die andere Hälfte machen Formalia aus. Zeilenabstand, Gliederung, Einrückungen, Fußnoten etc. Muss alles haarklein und bis auf das Detail stimmen.

Es ist mir völlig unverständlich warum. Wird eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlich, bestimmt das Layout der Verlag.
Aufbau, Textstruktur, Arbeitsweise im Schreibprozess…..das alles ist mir bekannt. Wenn die Dame vom Schreibzentrum kommt, um uns über den Prozess des Schreibens aufzuklären muss ich immer lachen. Es ist genau so, wie sie es erklärt und ich denke, ich könnte auch gut da vorne stehen und das Erklären. Darf ich aber nicht, dafür fehlt mir der richtige Zettel. Und in Deutschland biste nix ohne den richtigen Zettel.
Also muss ich mir geduldig anhören, was ich bereits weiß. Nix wissen, so scheint es  mir, tu ich im Bereich des wissenschaftlichen Englisch. Ich lerne jeden Tag neue Vokabeln, aber es hilft noch nicht. Die Texte sind mir nach wie vor ein Buch mit 7 Siegeln.
Also, wer Bock hat auf Studieren, unbedingt vorher Englisch üben!!