Damit Sie sich ein lebendiges „Bild“ von meiner Arbeit machen können, möchte ich Ihnen hier eine Geschichte vorstellen, die ich von einer alten Dame in Hamburg eingesammelt habe. Die schönsten Geschichten schreibt das Leben, man muss sie nur in die richtigen Worte kleiden.

Wenn Sie die Geschichte ihres Lebens aufgeschrieben haben möchten, so rufen Sie mich gerne an.

Wenn Sie eine Reportage aus dem Bereich Reisen, fremde Kulturen und Toleranz wünschen, so schauen Sie bitte auf meinen Blog, um sich ein Bild von meiner Arbeit zu machen.

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An der Frontlinie

Die Geschichte beginnt im Jahr 1943. Ruth ist Anfang 20, sie lebt in Hamburg, der Krieg ist noch nicht in Hamburg angekommen. Sie arbeitet in einem Geschäft für medizinischen Bedarf. Die Inhaber sind schon alt, und sie haben viel Vertrauen zu ihr. Sie hofft, eines Tages das Geschäft übernehmen zu können, und sie freut sich jeden Monat über ein gutes Gehalt. In ihrer Freizeit trifft sie sich mit Freundinnen.

Eine Freundin lebt in Wedel, gleich vor den Toren Hamburgs. Sie ist Mitglied in einem Segelclub, denn Wedel beherbergt den Hamburger Yachthafen. Eines Tages nimmt sie Ruth mit zu den Freunden im Segelclub, und so kommt Ruth zu ihrem ersten Segel-Törn. Sie ist eine blutige Anfängerin, doch das Segeln macht ihr Freude, und ihr gefällt die Clique von jungen Menschen, die dort miteinander ihre Freizeit verbringen. Nach einigen Treffen spricht sie ein junger Mann an. Sein Name ist Otto, er ist 25 Jahre alt, gute gebräunt, sportlich und besitzt ein schneeweißes Holz Segelboot. Er bittet Ruth, auf seinem Segelboot mit zu segeln. Sie fühlt sich sehr geschmeichelt, ist aber dennoch verwundert. `Warum gerade ich`, fragt sie ihn, `ich bin doch eine blutige Anfängerin`. `Weil du eine so wunderschöne Haltung hast und so einen federleichten Gang`, antwortet ihr Otto. Ruth ist entzückt. Ihre Ballettstunden als Kind haben sich ausgezahlt, selbst bei starkem Seegang behält sie ihre aufrechte Haltung und ihren leichten Gang. Sie willigt in den Segeltörn ein. Als sie zurückkommen, haben sich die zwei  ineinander verliebt. Sie treffen sich von nun an so oft es geht. Sie unternehmen romantische Spaziergänge, und machten lange Segelausflüge auf seinem Boot. Es war eine karge Zeit damals im Krieg, und die beiden hatten nicht viel. Doch was sie hatten, das teilten sie. Einmal bekamen sie einen Eimer voller Fisch von einem vorbeifahrenden Kutter Kapitän geschenkt. Sie machten auf Lühsand (einer Elbinsel) fest, entfachten ein Feuer und grillten die Fische. Sie gingen gemeinsam schwimmen, Otto war ein hervorragender Schwimmer und auch Ruths Schwimmkünste konnten sich sehen lassen. Sie segelten bei Wind und Wetter, Otto war impulsiv, ein echter Draufgänger  und er war sehr leidenschaftlich. Das gefiel Ruth, und sie wurden sich immer sicherer, dass sie ihr Leben gemeinsam verbringen wollten.

Was jedoch nicht im Sinne von Otto Eltern war. Sie mochten Ruth, aber sie betrachteten das Ganze nur als Sommer Flirt. Sie hatten 3 Söhne, welche studieren, und eine möglichst gute Partie machen sollten. Die Eltern von Otto waren begütert, die von Ruth nicht. Auch war den Eltern die gemeinsame Segelelei ein Dorn im Auge, ein Mann und eine Frau, allein auf dem Segelboot, das gehört sich nicht. Ruth konnte auch nicht sonderlich gut kochen und backen, auch nicht Handarbeiten oder was eine gute Hausfrau sonst so kann. Sie konnte eben ein Geschäft für medizinischen Bedarf führen. Doch das interessierte die Eltern von Otto nicht. Sie wünschten sich eine gute Hausfrau, aus reichem Elternhaus für ihren Sohn. Ruth spürte die Ablehnung der Eltern und das machte sie sehr traurig. So gingen sie immer seltener zu Otto nach Hause, entweder hielten sie sich auf dem Segelboot auf oder sie waren bei Ruth zu Hause. Ihre Eltern mochten Otto. Ruth verdiente genug, sie könnte Otto´s Studium finanzieren, und sie begannen, ein gemeinsames Leben zu planen.

Bis die Realität sie jäh einholte. Otto wurde eingezogen und als Soldat, erst nach außerhalb Hamburgs, dann nach Polen verlegt. Er schrieb ihr so oft es ging, und er teilte ihr mit, dass seine Truppe nach Torn, hoch in den polnischen Norden, musste. Dort verlief die Frontlinie. Er würde sie so gerne ein letztes Mal sehen, bevor er an die Front muss. Auch Ruth will ihn sehen, in ihr steigt eine furchtbare Angst auf. Vielleicht werden sie sich nie wieder sehen! Vielleicht werden sie keinen ihrer Träume leben können! Sie hat nur noch das Jetzt! Und dieses Jetzt will sie leben, und zwar sofort! Sie will nach Polen reisen, obwohl das mords gefährlich ist. Ihre Eltern beknien sie, ´ Kind bitte fahre nicht, dort oben schießt schon die Artillerie, der Frontverlauf ist ganz nah, die Russen auf dem Vormarsch´. Auch Ottos Eltern sind nicht begeistert von der Idee, doch sie sehen die Möglichkeit, ihrem Sohn etwas an die Front schicken zu können. Sie statten Ruth mit einem großen Rucksack voller Lebensmittel aus. Wenigstens müssen die Liebenden nicht hungern.

Ruth steigt in Hamburg in den Zug, allen Bitten und Warnungen zum Trotz. Sie will zu ihrem Otto und Otto zu ihr. In Torn steigt Otto in den Zug. Sie treffen sich in der Nähe von Posen. Otto schließt Ruht überglücklich in die Arme. Er hat ein Zimmer für sie besorgt, auf dem Land, bei einer polnischen Bauers Familie. Ruth übergibt der Bäuerin ihren Rucksack mit den Lebensmitteln, und die gute Frau kocht daraus, was sie kann. Selbst Schokolade hat Ruth mitgebracht, welche sie sich feierlich teilen. Auch die Bäuerin bekommt ein Stück, sie sind ist dankbar für die Gastfreundschaft. Das Bauernhaus liegt in der Nähe des Frontverlaufes, und so dürfen die beiden sich nur in einer bestimmten Sperrzone bewegen. Partisanen Kämpfer lauern überall, und am Sichersten fühlt sich Ruht in dem Bauernhaus. Ihre Spaziergänge werden kürzer, ihre gemeinsamen Nächte länger. Sie wünscht sich sehnlichst in diesen Tagen, dass sie ein Kind von Otto empfangen könnte, sie lieben sich und sind sich sicher, dass sie den Rest ihres Lebens miteinander verbringen wollen. Wenn Ruth ein Kind bekäme, dann hätte sie ein ewiges Andenken an ihn. Jeder Tag und jede Nacht sind kostbar, mitten im Krieg eine Oase der Leichtigkeit und Liebe. Doch ihre gemeinsamen Tage gehen viel zu schnell zu Ende. Otto bekommt den Einsatzbefehl an die Front. Ruth muss weg. Schnell, die Frontlinie ist ganz nah gerückt. Und auch alle anderen Zivilisten wollen nur eines: Weg! Jeder der Laufen kann, rennt zum Bahnhof. Ein heilloses Durcheinander von Menschen, Koffern, Beinen und Armen. Die Leute klammern sich an den Zügen fest, sitzen auf den Dächern. Ruth kann sich in letzter Sekunde durch ein Fenster in ein Gepäcknetz hereinquetschen. „Komm mit,“ will sie Otto zurufen, „wirf deine Uniform weg, in diesem Durcheinander wird es keiner bemerken. Hau ab!“. Doch Ruth bleibt stumm. Ein letztes Berühren der Hand, dann setzt sich der Zug stöhnend in Bewegung. Sie winkten, bis der Zug nicht mehr zu sehen ist. Ruth hat das Gefühl, ihr Herz würde in tausend Stücke zerbrechen. Sie ist sich sicher, sie wird Otto niemals wieder sehen.

Sie bleibt in dem Gepäcknetz sitzen, weint, bis der Zug in Berlin eintrifft. Sie bekommt Anbindung nach Hamburg, schafft es zurück in ihr Elternhaus. Am nächsten Tag stattet sie Ottos Eltern einen Besuch ab, um von Otto zu berichten. Doch Ottos Mutter möchte noch viel mehr wissen, als wie es Otto geht. „Habt ihr in einem Bett geschlafen?“, will diese wissen, „ habt ihr unter einer Decke geschlafen, habt ihr miteinander geschlafen? Das ist Sünde! Ihr seid nicht verheiratet!“ Nun reicht es Ruth. „Ja!“, schreit sie, „ ja, das haben wir, wir lieben uns! Ich wünscht mir von ganzen Herzen, das ich ein Kind von Otto bekomme, Liebe kann niemals Sünde sein!“
Doch leider erfüllt sich Ruths Wunsch nicht, sie ist nicht schwanger und Ottos Eltern unendlich erleichtert. Sie schreibt Otto weiter, doch weiß sie nicht, ob ihre Briefe die Frontlinien erreichen. Währenddessen geht ihr Leben in Hamburg weiter, aber der Frontbesuch bei Otto hat alles Verändert. Ihr Chef ist erbost, das sich seine Geschäftsführerin an die Frontlinie nach Osten aufmacht und Leib und Leben riskierte. Das gute Verhältnis zwischen Ihnen gestört. Ruth macht aus ihrer Nebenaufgabe, Hilfsschwester beim Roten Kreuz, eine Vollzeitaufgabe. In dem Marien- Krankenhaus in Hamburg, in welchem sie von nun an tätig ist, wohnt sie auch. Bis Hamburg in Sommer 1943 von schweren Luftangriffen fast völlig zerstört wird, auch das Krankenhaus. Ruth kommt mit dem Leben davon. Otto nicht. Er wird an der Front verwundet und kommt in ein Lazarett. Dort verstirbt er. Die Todesnachricht wird an Ottos Eltern geschickt, da die Beiden nicht verheiratet waren. Durch Ottos Bruder erfährt Ruth von seinem Tod. Für sie bricht eine Welt zusammen, sie fühlt sich, als wäre ein Stück von ihr mit gestorben.
Bis heute weiß sie nicht, wo Otto begraben ist. So gerne hätte sie sein Grab besucht, und sich von ihm verabschiedet.
Das Segeln hat Ruth aufgegeben. Es erinnert sie zu sehr an Otto.